Was ist der Cordón?
Die mediale Praxis des Cordón – eine tief in der kubanischen Identität verwurzelte Tradition
Die mediale Praxis des Cordón
Die mediale Praxis des Cordón ist ein tief in der kubanischen Identität verwurzeltes Phänomen, dessen Ursprünge eine Brücke zwischen der prähistorischen Vergangenheit der Insel und der zeitgenössischen kubanischen Gesellschaft schlagen.
Im Folgenden wird eine detaillierte Erklärung ihres Ursprungs, ihrer Entwicklung und ihrer Struktur dargestellt.
Praxis des Cordón
1 Indigene Wurzeln: das Erbe des Areíto
Der Kern dieser Praxis stammt direkt von den ursprünglichen Taíno-Völkern der Antillen. Ihr Ursprung liegt im Areíto, einem gemeinschaftlichen zeremoniellen Tanz der Indokubaner, der Gesang, Tanz und Heilungsrituale miteinander verband.
Strukturelle Kontinuität
Die Kreisformation, der Rhythmus des Stampfens mit den Füßen und der Wechselgesang zwischen einem Anführer und dem Chor sind Elemente, die seit der indigenen Tradition nahezu unverändert bewahrt wurden.
Heilender Zweck
Wie beim Areíto besteht das Hauptziel darin, Krankheiten durch die Kraft der kollektiven Energie zu heilen, wobei diese als Manifestationen verstanden werden, die durch den Einfluss negativer spiritueller Kräfte hervorgerufen werden.
2 Historische Entwicklung und Überleben
Nach der Ankunft der Spanier wurde das Areíto bereits im Jahr 1512 verboten. Dennoch überlebte die Praxis „im Verborgenen“, insbesondere in den abgelegensten ländlichen Gebieten des kubanischen Ostens.
Vom Areíto zum Cordón
Über Jahrhunderte wurde dieses Wissen innerhalb von Bauernfamilien mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen diese alten Traditionen mit den Lehren von Allan Kardec in Berührung, dessen theoretischer Rahmen – insbesondere das Konzept des „Mediums“ – dazu verwendet wurde, einer bereits bestehenden Praxis eine begriffliche Grundlage zu geben.
3 Patriotischer Kontext: die Rolle der Mambises
Ein entscheidender Moment für die Festigung dieser Praxis waren die kubanischen Unabhängigkeitskriege des 19. Jahrhunderts.
Resistenz
Die mediale Praxis war unter den Soldaten der Befreiungsarmee, die als Mambises bekannt waren, weit verbreitet und wurde als ein Symbol der antikolonialen Identität betrachtet.
Salustiano Olivera
Salustiano Olivera, ein herausragender Führer der Unabhängigkeitsbewegung und später Bürgermeister von Bayamo, spielte eine grundlegende Rolle bei der Gründung organisierter Zentren. Er passte die Traditionen an die Bedürfnisse seiner Zeit an und gründete 1910 das bekannte Zentrum „Buscando Luz y Verdad“.
Die mediale Praxis des Cordón als kollektive Heilungstechnik
Die mediale Praxis des Cordón in Kuba ist eine kollektive Technik, die auf die Herbeiführung von Trancezuständen und energetische Heilung ausgerichtet ist und auf spezifischen körperlichen und rhythmischen Dynamiken beruht.
Es wird als ein System des bioenergetischen Austauschs verstanden, bei dem der menschliche Körper als Kommunikationskanal für desinkarnierte Identitäten dient.
Die Mechanik der kollektiven Kette
Das zentrale Element dieser Praxis ist die Bildung eines menschlichen Kreises oder einer Kette – des sogenannten Cordón –, bei der die Teilnehmer miteinander verbunden bleiben, indem sie sich an den Händen halten.
Rhythmische Bewegung
Die Praktizierenden bewegen sich in einer Kreisbewegung durch eine Drehung gegen den Uhrzeigersinn. Dieser Tanz zeichnet sich durch ein gleichmäßiges und kräftiges Stampfen der Füße auf den Boden aus, begleitet von einer rhythmischen Bewegung der Arme von oben nach unten.
Akustische Stimulation
Die Zeremonie wird von einem Führer geleitet, der als Cabecero bezeichnet wird und die A-cappella-Gesänge einleitet, die als Transmisiones bekannt sind. Diese Gesänge entwickeln sich während der Sitzung zu einem Crescendo, das aus gutturalen Lauten, Keuchen und rhythmischer Atmung besteht. Auf diese Weise entsteht ein Zischen oder eine Kakophonie, die den Trancezustand intensiviert.
Das mediale Feld und die Trance
Das Ziel dieser körperlichen und rhythmischen Anstrengung ist das Erreichen eines Trancezustands, der die Kommunikation mit den Geistern ermöglicht.
Durch die Kombination aus ständiger Wiederholung, körperlicher Erschöpfung und klanglichem Rhythmus entsteht ein kollektives Energiefeld.
Das Medium wirkt innerhalb dieses Feldes als ein Instrument. Während der Trance wird eine Verbindung zwischen der bioenergetischen Kraft des Mediums und einer spirituellen Entität hergestellt.
Dieser Zustand ermöglicht es dem Medium, Informationen über den Zustand der hilfesuchenden Personen zu empfangen, der in Form von Krankheiten oder energetischen Blockaden wahrgenommen wird.
Die therapeutische Anwendung in der „Balsa“
Die Personen, die Hilfe suchen, werden in die Mitte des Kreises gestellt, einen Raum, der als „Balsa“ bezeichnet wird.
Energetische Projektion
Die innerhalb des Cordón erzeugte Energie wird auf die im Zentrum befindlichen Personen übertragen.
Magnetische Pässe
Während der Trance führen die Medien spezifische Manipulationen am Körper der Betroffenen durch, die als magnetische Pässe bezeichnet werden. Die Hände bewegen sich in geringem Abstand zum Körper mit dem Ziel, das energetische Gleichgewicht wiederherzustellen.
Reinigung (Despojo)
Durch schnelle Bewegungen der Arme und Hände, die Drehung der Patienten um ihre eigene Achse und die Verwendung von magnetisiertem Wasser werden die negativen Einflüsse entfernt.
Struktur der medialen Sitzung
Die Praxis folgt einem präzisen Ablauf, der in fünf Phasen unterteilt ist, mit dem Ziel, die Sicherheit der Medien und die Wirksamkeit des Heilungsprozesses zu gewährleisten.
Vorbereitung
Reinigung und Konzentration der Medien zur Herstellung des Energiefeldes.
Eröffnung des Zentrums
Die Personen, die Hilfe suchen, treten in den Kreis ein, und die energetische Frequenz wird durch den Tanz erhöht.
Mediumistische Intervention
Die eigentliche Heilarbeit findet statt, während der Botschaften übermittelt und energetische Manipulationen durchgeführt werden.
Schließung der Balsa
Die negative Energie wird aufgenommen und aus dem Raum entfernt.
Abschlussreinigungen
Die Medien führen eine kollektive Entladung durch —häufig mittels Bewegungen und Schütteln der Hände und Arme—, um sich von den aufgenommenen Belastungen zu befreien und in den Alltagszustand zurückzukehren.