Menschliches und göttliches Gesetz
Aus dem Buch: Das Evangelium im Lichte des Spiritismus - Allan Kardec

Das menschliche Gesetz sieht bestimmte Straftaten vor und stellt sie unter Strafe. Der Verurteilte kann also erkennen, dass er unter den Folgen seiner Taten leidet. Das Gesetz deckt jedoch nicht alle Straftaten ab und kann dies auch nicht tun. Es unterdrückt vor allem solche, die der Gesellschaft Schaden zufügen, nicht aber solche, die nur den Tätern schaden. Gott aber will den Fortschritt aller seiner Geschöpfe, und deshalb lässt er keine Abweichung vom rechten Weg ungestraft. Es gibt keinen noch so kleinen Fehler, keine noch so große Übertretung des göttlichen Gesetzes, die nicht zwangsläufig mehr oder weniger unangenehme Folgen hätte. Daraus folgt, dass der Mensch sowohl in den weniger wichtigen als auch in den wichtigen Dingen immer dort bestraft wird, wo er gesündigt hat. Die Leiden, die sich aus seinem Verschulden ergeben, sind eine Warnung an ihn, dass er Unrecht getan hat. Sie dienen ihm als Erfahrung, sie lassen ihn den Unterschied zwischen Recht und Unrecht spüren und die Notwendigkeit, sich zu bessern, um in Zukunft das zu vermeiden, was für ihn zu einer Quelle des Leids geworden ist. Andernfalls hätte er keinen Grund, Wiedergutmachung zu leisten. Im Vertrauen auf die Straffreiheit würde er seinen Fortschritt und damit sein künftiges Glück aufhalten.
Aber manchmal kommt die Erfahrung ein wenig zu spät. Wenn das Leben vergeudet und gestört ist, wenn die Kräfte geschwächt sind und das Böse kein Heilmittel hat, ruft der Mensch aus: "Wenn ich am Anfang des Lebens gewusst hätte, was ich jetzt weiß, wie viele Fehltritte hätte ich vermieden! Wenn ich noch einmal von vorn anfangen müsste, würde ich mich ganz anders verhalten, aber es ist keine Zeit mehr!" So wie der faule Arbeiter sagt: "Ich habe den Tag verloren", so sagt er: "Ich habe mein Leben verloren." Aber so wie für den Arbeiter am nächsten Tag die Sonne aufgeht und ein neuer Tag beginnt, der es ihm ermöglicht, die verlorene Zeit wieder aufzuholen, so wird für den Menschen nach der Grabesnacht die Sonne eines neuen Lebens scheinen, in dem er von den Erfahrungen der Vergangenheit und den klugen Entscheidungen, die er für die Zukunft getroffen hat, profitieren kann.