Die irdische Menschheit
Aus dem Buch: Das Evangelium im Lichte des Spiritismus - Allan Kardec

Wir sind erstaunt, auf der Erde so viel Schlechtigkeit und böse Leidenschaften, so viel Elend und Krankheiten aller Art zu finden, und wir schließen daraus, dass die menschliche Gattung eine traurige Sache ist. Dieses Urteil entspringt der begrenzten Sichtweise, in die wir uns versetzen und die uns ein falsches Bild vom Ganzen vermittelt. Man muss bedenken, dass wir auf der Erde nicht die gesamte Menschheit sehen, sondern nur einen sehr kleinen Teil von ihr. In der Tat umfasst die menschliche Gattung alle vernunftbegabten Wesen, die die unzähligen Welten des Universums bevölkern. Wie groß ist nun die Bevölkerung der Erde im Vergleich zur Gesamtbevölkerung dieser Welten? Viel weniger als die eines Dorfes im Verhältnis zu der eines großen Reiches. Es gibt nichts Außergewöhnliches an der materiellen und moralischen Situation der irdischen Menschheit, wenn man das Schicksal der Erde und die Natur derer, die sie bewohnen, betrachtet.
Die Erde bietet uns also einen der Typen von Sühnewelten, deren Varianten unendlich sind, die aber gemeinsam haben, dass sie als Verbannungsort für Geister dienen, die sich gegen das Gesetz Gottes auflehnen. Dort müssen diese Geister gleichzeitig gegen die Verderbtheit der Menschen und gegen die Unbill der Natur kämpfen, eine doppelte schmerzhafte Arbeit, die gleichzeitig die Eigenschaften des Herzens und die des Verstandes entwickelt. So lässt Gott in seiner Güte die Strafe zum Vorteil des geistigen Fortschritts ausfallen.
Wir würden uns ein sehr falsches Bild von den Einwohnern einer großen Stadt machen, wenn wir sie nach der Bevölkerung der untersten und schmutzigsten Viertel beurteilen würden. In einem Krankenhaus sieht man nur Kranke und Krüppel; in einem Gefängnis sieht man alle Laster und alle Dumpfheit versammelt; in den ungesunden Vierteln sind die meisten Bewohner blass, kränklich und gebrechlich. Nun, stellen wir uns vor, die Erde sei ein Elendsviertel, ein Krankenhaus, ein Zuchthaus, eine ungesunde Gegend, denn sie ist alles zugleich, und man wird verstehen, warum die Leiden die Freuden überwiegen; denn wer gesund ist, kommt nicht ins Krankenhaus, und wer nichts verbrochen hat, kommt nicht ins Arbeitshaus; denn weder Krankenhäuser noch Arbeitshäuser sind Orte der Freuden.
So wie sich in einer Stadt nicht alle Einwohner in Krankenhäusern oder Gefängnissen aufhalten, so ist auch nicht die ganze Menschheit auf der Erde. Und so wie man das Krankenhaus verlässt, wenn man geheilt ist, und das Gefängnis, wenn man seine Strafe abgesessen hat, so verlässt der Mensch die Erde in glücklichere Welten, wenn er von seinen moralischen Gebrechen geheilt worden ist.